Mario Venzago, der Neugierige
von Thomas Gartmann (Fortsetzung)

Wie gelangen aus Spezialisten zusammengesetzte Teams zu Höchstleistungen? Für die Studie Hochleistungsteams in Musik und Wirtschaft erlaubte der Maestro 2014 grosszügig, seine Proben mit dem Orchester begleiten zu dürfen. In der Fallstudie zeigte sich, was die Qualitäten des Berner Symphonieorchesters und seines Dirigenten ermöglicht: Es wird sehr intensiv kommuniziert, die Musiker*innen bringen sich in die Diskussionen ein, und zwar nicht nur die Stimmführer, sondern auch auffallend stark deren Stellvertreterinnen. Die Stimmung ist gelöst, gefeilt wird vor allem an der Artikulation, an Farbe und Zusammenspiel: Spezialistenteams (hkb-interpretation.ch)

Eines der aufregendsten und heiss diskutierten Berner Projekte betraf «Das Schloss Dürande» von Othmar Schoeck. Schoecks letzte und umfangreichste Oper verfügt über teils wunderschöne und farbige Musik, krankt aber an einem politisch kontaminierten und literarisch verunglückten Libretto. In Szenarien zu einer interpretierenden Restaurierung wurde versucht, die Oper durch eine teilweise Neutextierung (Francesco Miceli) wieder bühnentauglich zu machen. Venzago passte in einem intensiven Prozess die Gesangstimmen an und setzte sich erfolgreich für eine Rehabilitierung der Oper ein, indem er sie auf den Prüfstein des Theaters setzte und die Aufführungen auch auf CDs festhielt: Klangbeispiel

Weil das Projekt eine künstlerisch kühne Lösung und keine historische anbot, gaben grössere Publikationen genaue Rechenschaft über das Tun: Zurück zu Eichendorff! und “Als Schweizer bin ich neutral”. Und Mario Venzago beteiligte sich engagiert an verschiedensten Diskussionsrunden: HKB10_197-216_Gartmann-Venzago-Micieli.pdf (bfh.ch) und SMZ_1703_Schloss-Durande.pdf (hkb-interpretation.ch)
In der Rückschau wurde er nochmals gefragt, ob man dies denn dürfe? Seine Antwort, so klar wie emphatisch: «Naiiiii, me muess!!!!»

Zum Schluss der Berner Ära Venzago plante das BSO eine Broschüre, in der auch ein ausführliches Interview mit dem Chefdirigenten stehen sollte. Unser Gespräch umkreiste wiederum ebenso unkonventionelle wie treffende Interpretationen sowie seine Repertoirepolitik. Nochmals wurde hier sehr deutlich, wie sehr ihm die Orchesterfamilie am Herzen lag – und wie stark er sein Wirken hier auch als Vermittlung eines gesellschafts-politischen Auftrags verstand. Tagelang gingen die Fragen und Antworten hin und her, als Perfektionist feilte er ständig an seinen Aussagen. Corona machte auch hier einen Strich durch die Rechnung, die Zeitungsbeilage unterblieb. Aber das Gespräch fand seinen Weg ins Internet: Interview-Gartmann-Mai-2020 (mariovenzago.com).

Oder lesen Sie das ganze Interview hier (PDF 109 kb)