Klangvorstellungen

von Dorothea Krimm (Fortsetzung)

Venzagos Eintrittsbillett für Bern enthielt ein Versprechen: Er werde mit dem Berner Symphonieorchester einen neuen Klang erarbeiten, der sich von der seinerzeit in Zürich gepflegten «deutschen» Schule, aber auch vom bis dato in Bern etablierten «russischen» Klang abhebt. «Französisch» nannte er diesen Klang. Dass die Idee nicht nur zum historisch-geographischen Hintergrund der Stadt Bern, sondern zu Venzagos eigenen Idealen hervorragend passte, wurde bald klar. Mit dem Orchester entwickelte er Folgendes:
Weit entfernt von allem «Lauten», «Blechgepanzerten» forderte er einerseits einen eher nasalen, schlanken, engeren Holzbläserklang. Die Blechbläser andererseits sollten «ganz klar» tönen, «wie ein schlanker Turm» und eher intellektuell, wie manche Orchester während der Weltkriege. Einem «historisch-informiert» arbeitenden Chor sollte das Blech ähneln, und dazu äusserst sauber intonieren, von den ausgestimmten Grundtönen ausgehend. Dies wurde Venzagos Basis für einen durchsichtigen, klaren, «eindeutigen» Klang.

Klang braucht stets einen Raum, er braucht Resonanz. In diesem Raum, so Venzago, soll möglichst nichts verschwimmen – Kirchenklang, etwa für die Musik Bruckners, sei «Lüge». Venzagos Ideal ist ein Raum von ungeheurer Transparenz, in dem alles zart und stark bleibt. Ein solcher Raum verlange eine unglaubliche Präzision im Spiel, wie sie erst das 21. Jahrhundert liefern könne. Zu seinen liebsten Konzertsälen gehören heute der «Kursaal» in San Sebastián, das «Sage Gateshead» bei Newcastle und das KKL Luzern.

Bruno Walters Aufnahme der «Lieder eines fahrenden Gesellen» mit der Mezzosopranistin Mildred Miller hat Mario Venzago früh geprägt.

 «So wendet sich doch die Feindschaft der Mehrheit meist gegen die, die auf geistigem Gebiet ins Unbekannte vorstoßen.»

Beginn der 9. Symphonie von Gustav Mahler mit Mario Venzago und seinem freien Orchester

Ein Lieblingswerk: Arthur Honegger, Symphonie liturgique

Noch ein Lieblingswerk: Franz Liszt, Faust-Symphonie